Goldschmuck des bronzezeitlichen Horts von Gessel, darunter Spiralringe, Armringe und eine goldene Fibel

Goldhort von Gessel

Ort: Syke

Zeitraum: 2011

117 Goldteile aus der Bronzezeit, gefunden auf einem Acker, der in keinem Verzeichnis stand

1,7 Kilogramm Gold lagen 3 300 Jahre lang unter einem Acker bei Syke, 60 Zentimeter tief und damit knapp unter der Schicht, die der Pflug jedes Jahr umwälzt.

Am 7. April 2011 legte ein Grabungsteam sie frei: 117 Teile, darunter 82 Spiralringe, zwei Armringe und eine Fibel aus massivem Gold, wie sie sonst in Mitteleuropa nicht bekannt ist. Nach dem Eberswalder Goldschatz ist es der größte prähistorische Goldhort Mitteleuropas.

Zufall war das nicht. Vor dem Bau der Erdgasleitung NEL hatte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege die Trasse archäologisch bewertet, mit Feldbegehungen, Luftbildern und dem Abgleich bekannter Fundstellen. Auf den Verdachtsflächen folgten zehn Monate Prospektion mit Suchschnitten.

Bei Gessel gab es einen Anlass: Auf dem Acker waren metallzeitliche Keramikscherben aufgelesen worden. Deshalb ging das Team dort mit dem Metalldetektor über die abgeschobene Fläche. Den Ausschlag für die Untersuchung gab also eine fachliche Vermutung und kein Eintrag in einem Verzeichnis.

Sechs von sieben Fundstellen kannte niemand

Wie tragfähig solche Vermutungen sind, zeigt die Bilanz der gesamten Trasse. Rund 150 Fundstellen kamen in Niedersachsen zusammen, von denen vorher nur etwa 16 Prozent bekannt waren. Zwischen Weserniederung und Rehden lagen 84 Fundstellen, verzeichnet waren 16.

Der Bau lief weiter. Die Kosten der Untersuchungen trugen nach dem Verursacherprinzip die Betreiber der Leitung. Das Gold kam noch am selben Abend als Erdblock in die Restaurierungswerkstatt nach Hannover, wurde dort mit Computertomographie durchleuchtet und über Monate freipräpariert.

Erhalten blieb dabei die genaue Lage jedes Einzelteils, dazu Flachsfasern des Beutels, in dem der Hort vergraben worden war. Untersuchungen an den Bleiisotopen deuten darauf hin, dass ein Teil des Goldes aus Zentralasien stammt.

Was der Gesetzentwurf ändern würde

Der Gesetzentwurf zur Novellierung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes streicht die Kriterien des Annehmens und Vermutens. Künftig soll für Erdarbeiten allein zählen, ob der Ort im Verzeichnis der Kulturdenkmale steht.

In diesem Verzeichnis stehen derzeit rund 15 Prozent der etwa 150 000 bekannten archäologischen Fundstellen in Niedersachsen. Der Acker bei Gessel gehörte nicht dazu.

Antiker Goldschmuck aus dem Goldhort von Gessel
Der Goldhort von Gessel: 117 Teile, 1,7 Kilogramm, gefunden 2011 bei Syke. Das Gold lag 3 300 Jahre ungestört im Boden (Foto: M. Strohmeyer, Landesmuseum Hannover)

Archäologische Sensationen fallen nicht vom Himmel, sie sind vielmehr das Ergebnis akribischer und geduldiger wissenschaftlicher Arbeit. Nur flächendeckende Untersuchungen […] führen zu neuen Erkenntnissen.

Stefan Winghart, damals Präsident des Landesamtes, bei der Vorstellung des Fundes am 22. Februar 2012

Was verloren gegangen wäre

Ohne die vorlaufende Untersuchung wäre der Hort in den Bagger geraten. Bestenfalls hätte jemand die Goldteile im Aushub bemerkt und gemeldet, verstreut, ohne Befundlage, ohne die Fasern und ohne die Anordnung, aus der sich die Deponierung überhaupt erst rekonstruieren lässt. Im schlechtesten Fall hätte niemand etwas bemerkt.

Stefan Winghart, damals Präsident des Landesamtes, sagte bei der Vorstellung des Fundes: „Archäologische Sensationen fallen nicht vom Himmel.“ Sie sind das Ergebnis systematischer Arbeit vor dem ersten Spatenstich. Wer diese Arbeit streicht, beschleunigt keine Verfahren. Er verliert Funde, von deren Existenz niemand jemals erfahren wird.

Goldene Fibel aus dem Goldhort von Gessel mit Sonnenbuckeln und konzentrischen Ringen auf der Bügelplatte
Die Fibel aus dem Goldhort von Gessel wiegt 46 Gramm. Vor dem Vergraben drückte jemand sie zusammen und entfernte die Nadel. Aus Mitteleuropa ist keine zweite Fibel aus massivem Gold bekannt (Foto: M. Strohmeyer, Landesmuseum Hannover)

Quellen:

Solche Funde sollen bleiben

Das Bündnis Archäologie Niedersachsen hält gegen die Aushöhlung des Denkmalschutzes. Trag dich ein und mach den Widerstand sichtbar.