Hölzerner Klotzstuhl aus dem Bootsgrab an der Fallward mit Kerbschnittmuster auf der Innenseite der Rückenlehne

Der Thron aus der Marsch

Ort: Wremen

Zeitraum: 1994

Ein Bootsgrab, ein Klotzstuhl und ein Schemel mit Runen aus dem 5. Jahrhundert. Gefunden, weil 1962 jemand eine Tonscherbe im Graben meldete und damit eine archäologische Sondierung auslöste.

Ein Stuhl aus einem einzigen Baumstamm, 65 Zentimeter hoch, die Rückenlehne innen mit Kerbschnitt verziert. Er stand rund 1 500 Jahre im nassen Marschboden bei Wremen nördlich von Bremerhaven, bis ihn 1994 ein Grabungsteam herausholte.

Holz aus dieser Zeit überdauert praktisch nirgends. Hier überdauerte es, weil der Boden ganzjährig feucht und sauerstofffrei blieb.

Ein Fundplatz ohne Namen

Im Jahr 1962 hielt Grabungstechniker H. Nast in einer Fundmeldung für die Fundstelle Wremen 10 fest, dass in einer Grabenböschung etwa 220 m nordwestlich der Wurt Fallward eine Tonscherbe zwischen vielen kleinen Kieselsteinen lag. Die Steine deuteten auf den früheren Strandwall der Weser. In den 1960er Jahren notierte die archäologische Landesaufnahme im Landkreis Cuxhaven damit einen ungeklärten Fundplatz. Bis in die 1980er Jahre sammelten Fachleute bei Begehungen weitere Lesefunde auf, die auf ein Gräberfeld hindeuteten.

Knapp 30 Jahre nach Nasts Meldung wurde die Bedeutung des Platzes sichtbar. Im Zuge eines Grünlandumbruchs beauflagte die Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven auf Basis der beiden Beobachtungen, Keramik und Steine, eine Begleitung und Sondierung.

1993 grub sie eine kleine Fläche und bestätigte den Verdacht. Bis 1998 folgte die vollständige Untersuchung von zwei Gräberfeldern aus dem 4. und 5. Jahrhundert, rund 200 Brandgräber und etwa 60 Körpergräber. Die Grabbeigaben sind in der Fachwelt weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannt geworden.

Am Anfang stand also keine Eintragung, sondern eine Beobachtung im Gelände und die Bereitschaft, ihr nachzugehen.

Was der nasse Boden bewahrt hat

Wo die Gräber tiefer als 0,6 Meter über dem Meeresspiegel im Marschton lagen, blieb organisches Material erhalten: Möbel, Holzgefäße, Textilien, Heu. In einem Grab lag ein Mädchen vollständig bekleidet in einem Holztrog, umgeben von einem Kreisgraben von acht Metern Durchmesser, mit zwei aufwendig gearbeiteten Tutulusfibeln. Zu den Beigaben gehören ein dreibeiniger Hocker und ein kleiner Tisch mit gedrechselten Beinen, für die es in Europa kein Vergleichsstück gibt.

In einem zweiten Grab lag ein Mann in einem 4,4 Meter langen Einbaum. Zu ihm gehören eine große Holzschale, ein Tisch und der Klotzstuhl, den die Öffentlichkeit heute Thron aus der Marsch nennt. Er wurde kurz nach der Auffindung in einer internationalen Ausstellung in Versailles gezeigt. Neben dem Toten lag ein Brett aus Ahornholz, offenbar der Fußschemel des Stuhls.

Die Dendrochronologie datiert es auf das Jahr 431. Auf der Unterseite ist ein Hirsch dargestellt, den ein Hund reißt. An der Vorderkante steht eine Runeninschrift in voraltsächsischer Sprache. Sie benennt den Gegenstand und die Jagdszene.

Die Brandgräber sahen anders aus. Sie waren beigabenarm und vielfach durch die landwirtschaftliche Nutzung beschädigt. Der Unterschied liegt nicht am Ritus, sondern an der Tiefe.

Insgesamt umfasst die Fundstelle ein reichhaltiges Inventar an Holzmöbeln, Holzgefäßen und Textilien, das Auskunft über das spätantike Leben an der Nordseeküste gibt.

Was der Gesetzentwurf ändern würde

Nach dem Entwurf zur Novellierung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes (NDSchG) entscheidet über die Genehmigungspflicht bei Erdarbeiten allein der Eintrag im Verzeichnis der Kulturdenkmale.

Die Kriterien des Annehmens und Vermutens entfallen. Ein unklarer Fundplatz aus der Landesaufnahme reicht dann nicht mehr. Genau ein solcher Punkt auf der Karte war die Fallward über Jahrzehnte. In die Denkmalliste eingetragen ist die Fundstelle bis heute nicht. Tätig geworden ist die Archäologische Denkmalpflege allein aufgrund der Kombination aus einem Keramikfund und den Hinweisen auf den früheren Uferwall.

Zugleich verschiebt der Entwurf die Verantwortung für die Bodendenkmalpflege auf die Unteren Denkmalschutzbehörden, ohne archäologische Fachkompetenz dort verbindlich zu sichern. In Wremen hat eine fachlich besetzte Kreisarchäologie den Fundplatz erkannt und die Grabung geführt.

Nach der Umfrage der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (Juni 2026) beschäftigt rund ein Viertel der befragten Unteren Denkmalschutzbehörden in Niedersachsen ausgebildete Archäologen. Drei Viertel bewerten ihre Arbeitslast schon heute als hoch oder als extrem hoch.

Hölzerner Klotzstuhl aus dem Bootsgrab an der Fallward mit Kerbschnittmuster auf der Innenseite der Rückenlehne
Volkstümlich heißt er Thron aus der Marsch. Der Klotzstuhl aus dem Bootsgrab an der Fallward, 65 Zentimeter hoch, aus einem einzigen Baumstamm gearbeitet. (Foto: A. Hüser)

Was verloren gegangen wäre

Beim Goldhort von Gessel hätte der Bagger Gold zerstreut, das jemand im Aushub noch hätte auffinden können. Hier gibt es nichts zu melden. Holz, Textilien und Heu zerfallen, sobald Luft an sie kommt.

Eine Baugrube, eine Entwässerung, ein tieferer Pflug, und der Thron aus der Marsch wäre eine dunkle Verfärbung im Profil gewesen, die niemand mehr als Stuhl erkannt hätte.

Die Runeninschrift von 431 wäre nie gelesen worden.

Die Funde sind im Museum Burg Bederkesa zu sehen.

Solche Funde sollen bleiben

Das Bündnis Archäologie Niedersachsen hält gegen die Aushöhlung des Denkmalschutzes. Trag dich ein und mach den Widerstand sichtbar.